Nachts: In der Ruhe liegt die Kraft
 
 

Kreis Biberach (SZ) vom 24.09.1999
 
 

Alles schläft – einsam wacht der Diensthabende in der Rettungsleitstelle. Jede Nacht. Sommers wie winters. An Weihnachten, Neujahr und Ostern.
 
 

Es ist acht Uhr abends. Oliver Luft hat seit einer Stunde Dienst. Die verschiedenen Telefone klingeln ständig: Hier ein kleiner Feldbrand, dort eine Mutter, die bei ihrem Kind eine Blinddarmentzündung befürchtet. Die Notrufe für Feuerwehr (112) und für den Notarzt (19222) laufen in der gemeinsamen Leitstelle in Biberach ein. Oliver Luft, der die Telefone, die Funkapparate und den großen Einsatzcomputer bedient, ist deshalb – wie seine Kollegen auch – Rettungsassistent und Zugführer bei der Feuerwehr. "Wenn man die Einsätze koordiniert, muss man ja wissen, worum es geht." Er hat eine lange Nacht vor sich. Und ob ob die Nacht langweilig wird oder die große Katastrophe hereinbricht, das kann er nicht vorhersehen.
 
 

Es ist aber nicht nur Oliver Luft oder einer seiner Kollegen in der Leitstelle, die die Nächte durchmachen. Auch in den sieben Rettungswachen im Landkreis geht nachts das Licht nicht aus. 64 hauptamtliche Rettungsassistenten arbeiten im Landkreis in Schichten tags und nachts. Durchschnittlich sieben Nächte pro Monat sieht der Dienstplan vor. In denen dürfen die Helfer zwar ruhen, aber sobald die Leitstelle Alarm gibt, rasen sie los. Jeder Fleck im Landkreis muss innerhalb von 15 Minuten von den sieben Rettungswachen im Kreis erreichbar sein – das schreibt das Gesetz vor. Für Trödeleien bleibt da keine Zeit.
 
 

Das Telefon in der Leitstelle klingelt wieder. "Mein Mann ist nicht mehr ansprechbar", sagt eine Frau, "Er hat Tabletten geschluckt. Und Alkohol. Den Notarzt brauchen Sie nicht zu schicken." "Welche Tabletten und wieviel Alkohol", fragt Luft ruhig. Die Frau weiß es nicht. Sie sagt noch ihre Adresse durch und Luft setzt die Alarmierung in Gang. Der Rettungswagen ist unterwegs – keine Minute, nachdem der Notruf in der Leitstelle einging. Dort wird auch genau dokumentiert, was bei den Einsätzen passiert und auch wie lange der Rettungswagen zu den Patienten gebraucht hat. Im Fall des Mannes, der nicht ansprechbar war, hat das gerade mal fünf Minuten gedauert.
 
 

Sechs Mann im Einsatz
 
 

Per Funk geben die Rettungsassistenten dann durch, wie die Tabletten heißen, die der Mann gegessen hat und dass doch ein Notarzt gebraucht werde. Luft alarmiert ihn. Danach ruft er die Giftnotrufzentrale an. Wenige Minuten später weiß er, dass die Tablettendosis nicht lebensbedrohend ist, der Patient aber doch ins Krankenhaus gebracht werden sollte. Luft gibt das an den Arzt weiter, der mittlerweile bei dem Mann angekommen ist. Der Mann wird versorgt und in die Klinik gebracht. Eine knappe halbe Stunde später sind die Helfer wieder zurück in ihrer Wache. Für Luft ist der Einsatz damit beendet und innerlich abgehakt. Auf diesen Notruf hin war eine ganze Rettungsmaschinerie in Gang gesetzt worden – sechs Leute hatten sich um den Mann gekümmert – es waren Rettungsassistent und ein Helfer im Rettungswagen, ein Rettungsassistent und der Notarzt im Notarztwagen, der Mann vom Giftnotruf und Luft selbst. Der hatte sich inzwischen allerdings auch noch um ganz andere Dinge gekümmert: Er ließ einen bewusstlosen Mann – Schlaganfallverdacht – in die Klinik bringen, eine gestürzte Frau bei sich zu Hause versorgen und hat ein Familiendrama am Telefon live mitbekommen. Und bei all dem ist er noch nicht einmal aus dem Atem gekommen. "In der Ruhe liegt die Kraft", sagt Luft. Es ist mittlerweile zehn Uhr geworden. Das Telefon hat aufgehört, permanent zu klingeln. Neben dem riesigen Schaltpult in der Zentrale steht ein Fernseher. Nachts blubbert der vor sich hin. "Sonst würde die Zeit ja gar nicht vergehen." Das Nachtprogramm, das kennen die Nachtdienstler auswendig. Der Fernseher ist auch ein wichtiges Utensil in der Biberacher Rettungswache im Krankenhaus. Dort sieht es aus wie in einer großen Wohnung – es gibt Ruheräume, denn die Helfer dürfen sich nachts immerhin hinlegen, es gibt ein Wohnzimmer und eine Küche mit einem großen Tisch. Da mag die Stimmung dann zwar entspannt und lustig sein – sobald aber die Leitstelle Alarm schlägt, ist die Konzentration da. Die Rettungsassistenten und ihre Helfer stürzen in den Rettungswagen und rasen los. Oft wissen sie nicht, was genau sie am Ziel erwartet. "Am Anfang ist man aufgeregt. Aber mit der Zeit bekommt man Routine", sagt Rettungsassistent Karl-Heinz Binder. "Wir können das Unglück nicht mehr verhindern. Es ist ja schon passiert. Wir können nur noch das Beste draus machen." Und weil die Rettungsassistenten sich gut ausgebildet fühlen – sie legen nach zweijähriger Ausbildung ein Staatsexamen ab – kommen sie mit der Notfallsituation bei Unfällen oder anderswo auch gut zurecht, sagen sie.
 
 

Toter Punkt
 
 

Blende zurück zur Rettungsleitstelle. Es ist nach Mitternacht – und es ist ruhig geblieben. "Zwischen eins und vier – da ist ein toter Punkt. Da läuft gar nichts." Luft sieht fern, geht in der Leitstelle hin und her, liest oder erledigt Schreibkram. Erst gegen fünf Uhr beginnt das Telefon wieder zu klingeln. Und um 7 klingelt es an der Tür, die Ablösung kommt. Luft: "Dann geht man heim und fällt ins Bett."